Die DDR lebt!


Vertrautes Lied
März 27, 2008, 1:32 Uhr nachmittags
Gespeichert unter: Politik | Schlagworte: ,

Image Hosted by ImageShack.us

Also gut, natürlich haben wir lieber recht und verabscheuen Widerworte, manche mehr, manche weniger. Es gibt viele Arten des Widerworts, von denen eine besonders unerträglich ist und in uns nicht bloß sture Ablehnung, sondern den blanken, kalten Haß entfacht: Dann nämlich, wenn uns jemand mit unseren eigenen Argumenten schachmatt setzt.

Diesen Haß haben sich die Serben nun selbst eingebrockt, gemeint sind vor allem die im Kosovo. Wir glaubten alle guten Argumente hinter uns und nur die unbelehrbaren Serben vor uns, die es einfach nicht einsehen wollten. Entsprechend eindeutig war unsere Ansage an Belgrad und die Welt: Ist doch völlig egal, zu wem das Kosovo „völkerrechtlich“ gehört haben mag. Dort leben, so haben wir herausgefunden, zu über 90 Prozent Albaner. Sie bilden überdies ein nahezu geschlossenes Siedlungsgebiet. Ergo war die Anerkennung ihrer Abspaltung von Serbien eine Sache der höheren Gerechtigkeit, gegen die das Völkerrecht nichts auszurichten vermag.

Das hilflose Gemeckere aus Belgrad und die düsteren Ermahnungen aus Moskau und sogar Madrid konnten uns nur darin bestärken, wie haushoch unsere humanistische Moral diesen kalten Paragraphenreitern des Völkerrechts überlegen war. Wir fühlten uns wohl, alles war gut, weil wir die Guten waren.

Dann geschah das Unerhörte: Mit einem Mal standen in Mitrovica diese Kosovo-Serben auf der Straße und sangen ein Lied, das uns peinlich vertraut war. Sie seien zwar innerhalb des Kosovo keine völkerrechtlich eigenständige Einheit. Aber sie stellten im Norden des Gebiets über 90 Prozent der Bevölkerung in einem nahezu geschlossenen Siedlungsgebiet. Also wollten sie los vom Rest des Kosovo und bei Serbien bleiben.

Diese Kerle haben nur unseren Text abgeschrieben, ein paar Vokabeln ausgetauscht und konnten uns so der Lächerlichkeit preisgegeben. Wenn man sie wenigstens wegen „Phrasen-Piraterie“ vor den Haager Gerichtshof zerren könnte! Da wir es versäumt haben, einen entsprechenden Paragraphen im internationalen Recht zu verankern, geht das leider nicht.

Als sei das noch nicht Zumutung genug, nötigen uns die Serben auch noch, ihnen genau die Sätze zu entgegnen, die wir, aus ihrem Munde kommend, eben noch brüsk zurückgewiesen hatten: Man müsse eine „gemeinsame Lösung“ für Serben und Albaner in einem ungeteilten Kosovo finden, knirschen Berlin, Washington, London, Paris und die anderen Kosovo-Anerkenner hervor. Deshalb dürften sich die Kosovo-Serben nun nicht abspalten. Exakt diese Worte hatte Belgrad erst Wochen zuvor zum Verhältnis von Gesamt-Serbien und dem Kosovo in unsere tauben Ohren gerufen.

Mit soviel Verschlagenheit konnten wir wirklich nicht rechnen. Wat nu? Wir können denen doch unmöglich recht geben!

Glücklicherweise haben wir noch einen Joker im Ärmel, der alles aussticht. Wir sind nämlich die Westliche Wertegemeinschaft, deshalb sind nicht allein unsere Absichten von mehr Lauterkeit getrieben als die aller anderen, auch unsere Stimme ist die lauteste. Mit dem Organ dröhnen wir diese Quertreibereien einfach weg – schon sind die Albaner wieder Freiheitskämpfer und die Serben giftige Unruhestifter, die den Friedensprozeß stören. Und das Recht, das setzen wir, sonst keiner, deswegen gehört es uns auch, weshalb nur wir die Befugnis haben, es je nach Notwendigkeit zu modulieren. Kapiert?

Nein? Dann wundert euch nicht, ihr Balkangesocks, daß sich „die internationale Staatengemeinschaft“ demnächst mal wieder „zum Eingreifen gezwungen sieht“.

 

http://www.preussische-allgemeine.de/

 


Keine Kommentare bis jetzt
Einen Kommentar schreiben



Einen Kommentar schreiben
Zeilen- und Absatzumbrüche automatisch, E-Mail-Adresse wird nicht angezeigt, HTML-Tags zulässig: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>